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Kaspar Häuser Meer

Eine wirkliche Komödie von Felicia Zeller

  • Eva-Marianne Berger, Susanne Hessel & Regula Steiner-Tomić
  • Silvia Maradea
  • Hans Rotman
  • Ronny Traufeller
  • Holger Kuhla
  • Anhaltisches Theater Dessau
  • 11. Dezember 2009 im Alten Theater Dessau

Fotos: Claudia Heysel

Björn ist out, denn Björn ist Jugendsozialarbeiter. Niemand weiß, wann er wieder arbeitsfähig sein wird, denn er schwamm wohl zu lange im kalten Becken bundesdeutscher Sozialstaatlichkeiten. Björn hat sie hautnah erlebt, die armseligen Seiten der reichen Republik, die verwahrlosten und hungernden Kinder, die Kaspar Hausers von heute. Hat die überforderten Eltern erlebt, die nicht mehr mitkönnen mit dem flotten Schritt der Gesellschaft, hat sie erlebt, die preußisch kalte Verwaltung allzu menschlicher Katastrophen, hat ihn erlebt, den alljährlichen Spardrang und ist schließlich völlig erwartet zusammengebrochen. Denn wer könnte eine solch prächtige Welle aus Gewalt, Ignoranz und Hilflosigkeit unbeschadet überstehen? Björn hinterlässt ganze 104 Fälle, einen Haufen so wenig geordneter, wie gelöster Schicksale. Und obwohl seine drei Kolleginnen vom Amt, Barbara, Silvia und Anika bereits Tag und Nacht rotieren, heißt es nun, noch besser sein und das Tempo zu erhöhen. Björns Fälle werden über Nacht zum tragikomischen Schicksal der drei Sozialfrontkämpferinnen. Sie werden also rasend schnell sein und doch zu spät kommen, werden alles tun und doch zu wenig bewegen, ertrinken im bürokratischen Sumpf und ihre eigenen Kinder vernachlässigen, um fremden Kindern zu helfen. Trotzdem machen diese glorreichen Drei weiter, lieben und hassen ihren Job. Und wenn sie in einem atemberaubenden Tempo im Kreis wirbeln, sind sie dabei zum Lachen komisch und zum Weinen rührend. Wer den Alltag eines Sozialamtes überleben will, braucht mehr als Kraft, Mut und Witz. All das haben Barbara, Silvia und Anika, diese drei wundervoll schrägen Schiffe mitten auf dem endlosen Meer eines schwer angeschlagenen Systems. Und steigert sich die Verzweiflung doch einmal ins Unermessliche, hilft immer noch ein kräftiger Schluck aus der Flasche!

»Der Zuschauer erlebt eher tragische, ja angstmachende Situationen der totalen Überforderung. Dabei sind die drei andauernd in körperlicher, oft logisch nicht nachvollziehbarer Bewegung. Und sie reden ständig. Mit eigentlich faszinierendem Tempo – für sich eine bewundernswerte schauspielerische Leistung.«

Helmut Rohm, Volksstimme vom 15. Dezember 2009

»Vor den fragilen Klängen der Bühnenmusik von Hans Rotman zeichnet die Regie diese Figuren mit kräftigen Strichen, steckt sie in strahlende Rüstungen und gedeckte Alltags-Farben. Durch die physische Anstrengung des Sprechens und Spielens aber, durch die Freiübungen im Käfig vermeidet sie falsche Gesten der Betroffenheit und Einfühlung, die den bösen Witz in Felicia Zellers Text übertünchen würden. Ein umjubelter Abend!«