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Vor den Vätern sterben die Söhne

nach dem Erzählband von Thomas Brasch. Der Sieger der Wunschstück-Wahl!

  • Dirk Greis, Patrick Rupar & Patrick Wudtke
  • Jan Steigert
  • Katja Schröpfer
  • Sabeth Braun
  • Anhaltisches Theater Dessau
  • 28. November 2013 im Großen Haus

Fotos: Claudia Heysel

Im September 2013 stellte das Dessauer Schauspielensemble in öffentlichen Leseproben dem kritischen Publikum drei Texte vor, aus denen man per Wahlzettel oder Online-Abstimmung das Werk auswählen konnte, das als Inszenierung erlebbar werden sollte.

Mit »Totentrompeten« (Einar Schleef), »Vor den Vätern sterben die Söhne« (Thomas Brasch) und »3 von 5 Millionen« (Fritz Kater) standen drei Werke zur Wahl, die zwei Dinge gemeinsam haben: Zum einen beschäftigen sie sich alle mit der DDR beziehungsweise deren Untergang. Zum anderen stellen sie keine klassischen Theaterdramen mit klar verteilten Rollen und Regieanweisungen dar; ihre eigensinnige Textstruktur ruft beim Leser unweigerlich die Frage hervor: Wie soll dieser Text bloß inszeniert werden?

Die Wahl fiel mit großer Mehrheit auf den Text, der am wenigsten ein Theaterstück, dafür aber vielleicht der bekannteste von allen ist: Thomas Braschs Erzählband »Vor den Vätern sterben die Söhne«.

Brasch, den mit der DDR eine Hassliebe verband, der Kommunist war und doch in diesem Staat nicht leben wollte, hat 1977 mit »Vor den Vätern sterben die Söhne« ein Buch der existentiellen und politischen Revolte geschrieben. Ein Buch von auswegloser Unbedingtheit. Das Buch eines jungen Mannes. Thomas Braschs wohl noch immer bekanntestes Werk zeigt in Prosa-Miniaturen den Alltag der DDR aus der Perspektive verzweifelter Loyalität. Hier will einer den Sozialismus, aber lebendig, anarchisch, human. »Alles anders machen«, schreit seine Hauptfigur, einer wie Brasch selbst, »ohne Fabriken, ohne Autos, ohne Zensuren, ohne Stechuhren. Ohne Angst. Ohne Polizei.«

In der Inszenierung haben sich Braschs Erzählungen zu einer Geschichte dreier Arbeiter unterschiedlicher Generationen und Ansichten verbunden.

Man kann, etwas Kenntnis der DDR, wenigstens aber historische Sensibilität vorausgesetzt, diesen 75-minütigen Theaterabend auch genießen, ohne das Buch zu kennen. […] Dirk S. Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke haben ihren Bauarbeiter-Knigge und ihr Werkhallen-Einmaleins aber genau studiert. Und wo Worte der Wut und der Ohnmacht im Land der begrenzten Unmöglichkeiten nicht helfen, versuchen Ramtur, Grabow und Fastnacht zwischen zwei auf Hochtouren laufenden Windmaschinen sinnlos schwarze Papierstreifen zu schippen. Das ist ein treffendes Bild für das Phänomen DDR als Ganzes.

»[Braschs Prosa-Miniaturen] beginnen im Foyer des Kulturzentrums „Altes Theater“ mit mächtig Lärm. Stellwände, die die Bühne verdeckt hatten, werden mit Radau weggeräumt und fallengelassen, Pressluftgehämmer und Maschinengeräusche suggerieren Arbeitsatmosphäre, in dem keiner des anderen Wort versteht. […] Ob die Szene Traum oder Realität sein soll, bleibt unklar. So springt die Inszenierung von einer Szene aus dem Leben eines Arbeiters zur nächsten, reißt ein Thema an, erzählt es nach und geht dann weiter. Das gelingt ganz ironisch, wenn die drei Malocher aus Briefen an den „Genossen Direktor“ zitieren und dessen Antworten im Chor sprechen. «

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