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Welt am Draht

Schauspiel nach dem Drehbuch von Rainer Werner Fassbinder und Fritz Müller-Scherz, nach dem Roman »Simulacron-3« von Daniel F. Galouye

  • Gerald Fiedler, Roman Pertl, Patrick Rupar, Daniel Schmidt, Karoline Stegemann & Kai Windhövel
  • Sabine Schmidt
  • Lutz Keßler
  • Theater Augsburg
  • 20. April 2018, brechtbühne

Professor Vollmer hat am Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung einen Supercomputer geschaffen, dessen Herzstück das Programm Simulacron ist: Tausende simulierte Menschen, sogenannte »Identitätseinheiten«, leben darin – sie haben Bewusstsein, Beziehungen und Gefühle. Aber außer einer einzigen »Kontakteinheit« weiß von ihnen niemand, dass sie nur aus Nullen und Einsen bestehen. Ziel der Simulation ist, komplexe zukünftige Entwicklungen, seien sie gesellschaftlicher, ökonomischer oder politischer Natur, vorauszusagen. Nach dem tragischen Tod von Professor Vollmer übernimmt Fred Stiller dessen Amt als Technischer Direktor und damit die Fortführung der Forschung. Doch Stiller droht Opfer einer Verschwörung zu werden – Mitarbeiter verschwinden, er selbst entgeht nur knapp einem Anschlag. Was geht am Institut wirklich vor sich? Warum beginnen die Identitätseinheiten in der Simulation zu verzweifeln, ja sogar den Weg in unsere Welt zu suchen? Und welche Rolle spielt die undurchsichtige Eva Vollmer, Tochter des Simulacron-­Erfinders, zu der sich Stiller hingezogen fühlt?

Rainer Werner Fassbinder hat seinen Science-Fiction-Thriller 1973 gedreht, basierend auf dem Roman »Simulacron-3« von Daniel F. Galouye, und Filme wie »Matrix« oder »The Truman Show« inspiriert. David Ortmann, der sich in »Das Leben der Anderen« oder »Familiengeschichten. Belgrad« mit den gesellschaftlichen Fragen der Vergangenheit beschäftigt hat, wendet sich in Welt am Draht unserer Gegenwart gewordenen Zukunft zu: Wie kann ich wissen, ob ich in einer Computersimulation lebe? Was soll ich tun in Zeiten von Big Data, totaler Überwachung? Was darf ich hoffen, wenn Maschinen uns in den meisten Aspekten unseres Lebens zu überflügeln drohen?

»Daniel F. Galoyes Roman ›Simulacron 3‹ (1964), den Augsburgs Regisseur David Ortmann nur leicht anzupassen, zu aktualisieren brauchte, um seinen heutigen Realitätsgehalt beklemmend zu machen. […] Ortmann, durch seine Augsburger ›Tatort‹-Produktionen und jetzt durch ›Welt am Draht‹ quasi zur ersten Krimi-Instanz an Schwabens künftiger Staatsbühne geworden, setzt nicht allein auf Thriller, Pseudo-Realistik und den Suspense einer digitalen Horror-Technik; er bezieht mit leichter Hand auch ein wenig Groteske und Absurdes Theater mit ein. So hat der Abend auch etwas schrecklich Vergnügliches bis zum Happy End […]. Die dritte Stärke aber dieses Abends, der einmal mehr das Paradies auf Erden (durch Digitalisierung) propagiert, aber gleichzeitig zu entsetzlichen Allmachtsvorstellungen führt, diese Stärke liegt im anscheinend staatstheatermotivierten Schauspielerensemble, das in der sachlichen, aseptischen Schöner-Arbeiten-Bühnenwelt von Sabine Schmidt (auch Kostüme) mal selbst-, mal fremdbestimmt agiert.«

Rüdiger Heinze, Überregionales Feuilleton der Augsburger Allgemeinen vom 23. April 2018

»David Ortmann (Regie) und Sabine Schmidt (Bühne und Kostüme) spielen mit dieser zeitlichen Distanz. Die Szenerie in der Augsburger Brechtbühne hat Retro-Charme. Die leicht unterkühlte Holz-Studio-Atmosphäre, sprechende Computer mit Alexa-Stimme, wild zuckende Körper, wenn Personen an die digitale Welt Simulacron angeschlossen werden, die Getränke aus einer Art Lebensmittel-3D-Drucker: So oder ähnlich hat man sich in den 1970ern die Zukunft vorgestellt. Augenzwinkernd zitiert sich Ortmann durch die einschlägigen Genre-Klassiker und staffiert damit eine Bühnenzukunft aus, die nur wenige Jahre von der Gegenwart entfernt ist und gleichzeitig irgendwie verstaubt wirkt. Befremdlich eben. […] Zum bewussten Retro-Stil gehört auch der völlige Verzicht auf Videos, Beamer und – bis auf Lichteffekte – andere technische Spielereien. Diese Inszenierung über die digitalen Welten ist durch und durch analog und vermittelt auch dadurch die Distanz, die das vermeintlich Vertraute wieder befremdlich werden lässt. Damit zeigt sie aber auch, dass das Theater die bessere Simulationswelt ist. Theaterintelligenz statt Künstliche Intelligenz.«

»Ein trotz aufkommender Beklemmung insgesamt vergnüglicher Theaterabend mit überraschendem Finale.«

»Regisseur David Ortmann hat das auf einem Roman des Amerikaners Daniel F. Galouye basierende Skript ausgegraben und lässt die Zukunftsvisionen von damals, ergänzt durch manche moderne Zutat, fröhliche Urständ feiern. Sehr beeindruckend ist ein Camilla genannter Versorgungsautomat, der auf Zuruf in Sekundenschnelle Kaffee, Whisky oder auch mal eine Kopfwehtablette serviert. Da dürfen Alexa und Siri noch ein bisschen an sich arbeiten.«

Hanspeter Plocher, Bayerische Staatszeitung vom 30. April 2018

»Die Inszenierung von David Ortmann fragt, wie wir die heutige Situation beurteilen. Lebe ich in dieser realen Welt oder in und mit einer Computersimulation? Den Zuschauer*innen wird ihre individuelle Antwort überlassen; denn ›die Simulationswelt wird weiterleben‹.«

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